Lösungsansätze zu Suchtproblemen
is. Das Blaue Kreuz hatte in Lyss die Probe aufs Exempel gemacht: Eine 15-jährige Testperson versuchte Mitte August, Alkohol in 17 Lysser Geschäften zu kaufen. Sie war zur Hälfte erfolgreich. Dies, obwohl Ende Juni ein Schreiben zu diesem Thema an alle Lysser Geschäfte adressiert wurde. Die Interpellation der GGR-Mitglieder Margrit Staub und Karin Segessenmann (EVP) «Alkoholverkauf an Jugendliche» fachte die Diskussion auf gemeindepolitischer Ebene an. Folgerichtig organisierte die EVP Lyss ein Podiumsgespräch. Doch indem die örtliche Partei einzig den Lysser Gemeindepolizisten Markus Nobs neben Fachleute aus dem Raum Zürich, Aargau, Basel und Bern auf das Podium setzte, rückte die ganze Problematik nicht nur die Lysser Sicht ins Zentrum. Die Ausführungen der Fachkräfte stellten die Problematik in einen viel grösseren, spannenderen Kontext. So zeigte sich zum Beispiel Zuhörerin Beatrice Schober besonders vom hilfreichen Satz für alle Erziehenden beeindruckt, den Pfarrer und Psychotherapeut Roland Mahler wie folgt formulierte: «Der Umgang mit der Freiheit verlangt auch Aufzeichnung von Grenzen.» Mahler verstand es immer wieder, umfassende gesellschaftliche und zum Teil sogar philosophische Aspekte einzubringen. Die vielen schriftlich gestellten Fragen nach der engagierten Diskussion widerspiegelten es deutlich: Suchtprobleme haben einerteils durchaus privaten Charakter, sind anderteils nicht in jedem Fall im trauten Familienkreis mit Gesprächen lösbar. Suchtprobleme machen einersteils nicht an der Gemeindegrenze Halt, sind andrerseits in der nationalen Politik nicht einfach durch verschäfte Gesetzgebung lösbar.
In die richtige Richtung
Die Zuhörerfrage «Gibt es Vorstösse in der Politik, um Suchtmittel unattraktiv zu machen?», beantwortete der Aargauer Nationalrat Heiner Studer am Podium wie folgt: «Indem das Rauchen in öffentlichen Gebäuden untersagt wird und mehrere alkoholfreie Getränke billiger als die alkoholhaltigen verkauft werden müssen, ist ein Schritt in diese Richtung gemacht.»
Doch der Staat müsse Lenkmassnahmen schaffen und nicht Verbote und Vorschriften an Einzelne. Hier konnte Gemeindepolizist Nobs erneut einlenken: «Die Polizei muss handeln, wenn Verkäuferinnen und Verkäufer in den Geschäften beim Alkoholkauf von Jugendlichen nicht zwingend den Ausweis verlangen.» Ein weiteres Mahnschreiben ist in Vorbereitung. Diesmal deutlicher.
Gegen Gewerbetreibende, die Alkohol an Jugendliche unter 16 Jahren verkaufen, werden Massnahmen bezüglich ihrer Verkaufsbewilligung in Betracht gezogen. Der zuhörende Vater, der das Podium mit seinem jugendlichen Sohn besucht hatte, um einmal zu erfahren, warum Schülergruppen gleich kartonweise Alkohol bekommen, nickte anerkennend.
Positiv gesehen
Sekundarlehrer Fritz Affolter, momentan in Ausbildung zum Koordinator im Bereich Gesundheitsförderung, reflektierte nach dem Podiumsabend: «Wenn die Gesellschaft Räusche sucht, hat die Schule ein Problem, denn die Schulkinder sind Teil dieser Gesellschaft.» Den Ordner mit Themenmodulen von «Talk About - Jugend und Alkohol», den Projektleiterin Christa Reusser bereitgelegt hatte, klemmte sich Affolter trotzdem nicht unter den Arm. Begründung: Der Ordner sei sicher eine gute Sache, doch er persönlich stehe eher auf der Gesundheitsseite und versuche, alle positiven Kräfte zu mobilisieren.
Problem erkannt
So freute sich Affolter auch, dass sich Lyss nicht mehr drücke, das Problem erkenne und es auch in die Politik bringe, zum Beispiel mit dem Früherfassungsnetz. Auf Anfrage stiess Gemeindepräsident Hermann Moser in ein ähnliches, positives Horn. Er ergänzte, man dürfe nie vergessen, dass ein grosser Teil der Jugendlichen den normalen Weg gehe.
Bieler Tagblatt vom 6. September 2001




