Organisierte Trinkgelage allerorts
Saufen ohne Unterbruch. Schon Zwölfjährige greifen zur Flasche und füllen sich bis zur Besinnungslosigkeit ab. Im Januar liess das Meinungsforschungsinstitut Isopublic 500 Jugendliche befragen, ob sie schon einmal betrunken gewesen seien. Ergebnis: In der Altersgruppe der Zwölf- bis Vierzehnjährigen antwortete jeder Dritte mit Ja. Jeder Fünfte gab immerhin zu, hie und da alkoholische Getränke zu konsumieren. Jeder Zehnte tut dies sogar mehrmals wöchentlich, wie eine Umfrage im Auftrag der «Schweizer Illustrierten» ergab.
Besonders alarmierend sind die Zahlen der noch unveröffentlichten Krankenhausstatistik 2006. Sie zeigen, dass in den vergangenen Jahren immer häufiger Kinder und Jugendliche notfallmässig eingeliefert werden müssen – mit Alkoholvergiftung.
2004 waren es sechs Zwölfjährige und 32 Dreizehnjährige – doppelt so viele wie vor vier Jahren.
58 Vierzehnjährige erlitten eine Alkoholvergiftung – dreimal so viele wie vor vier Jahren; bei den Fünfzehnjährigen waren es sogar 101!
Iso Hutter (40), Oberarzt am Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen, spricht von einem anhaltenden Trend und «massiver Zunahme». Urs Rohr (42) von der Zürcher Suchtpräventionsstelle ergänzt: «Getrunken wird vor allem in Gruppen. Dort wollen sie ihren Kollegen zeigen, dass sie ‹Siebesieche› sind.»
Das so genannte Rauschtrinken ist unter den Jugendlichen ein neues Phänomen, erklärt Ruedi Löffel (44), Projektleiter Suchtprävention beim Blauen Kreuz in Bern. «Und wie reagiert die Partyszene darauf?» fragt er. «Sie organisiert allerorts Trinkgelage wie beispielsweise Ballermann-Partys.»
Fachleute sehen im Rauschtrinken eine Flucht aus dem Alltag: «Die Jugendlichen versuchen auf diese Weise, dem enormen Druck auszuweichen, der in diesem Alter auf sie einwirkt», sagt Rohr. Sie hätten grosse Mühe, sich in einer Gesellschaft von Individualisten zu orientieren.
Die Schweizer Jugendlichen sind aber nicht schlimmer als die anderen: Im europäischen Vergleich befinden sie sich im Mittelfeld. Spitzenreiter im negativen Sinn sind die englischsprachigen Länder sowie die «Bierländer» Deutschland, Belgien, Dänemark und Norwegen, wie in einer europäischen Studie festgestellt wurde.
Präventionsexperte Löffel sieht das Hauptproblem allerdings weniger im schwachen Selbstbewusstsein mancher Jugendlicher. Für ihn sind in den meisten Fällen die Eltern schuld. «Viele sagen: ‹Hauptsache, er drögelet nicht›, und verkennen dabei die Gefahr, die vom Alkohol ausgeht.» Für Löffel ist klar: «Wenn wir Erwachsenen nicht rigoros einschreiten, werden tausende von neuen Alkis herangezüchtet.»
Sonntagsblick vom 4. März 2006




